„Naked Lunch“ (William Burroughs)

Es scheitert schon an einer banalen Inhaltsangabe, und das völlig zurecht, alles andere wäre gelogen. Ich weiß noch, dass es um einen Schriftsteller geht. Um einen schwulen Schriftsteller mit Hang zur Nadel und zu allem anderen was ballert. Was ich auch noch weiß, ist der Ort, an dem all das spielt: Interzone. Der Klappentext sagt, es handle sich um einen fiktiven Ort. Ich sage, dass der Ort für Burroughs so real war, wie für dich und mich das Internet.

Als Burroughs das Manuskript zu „Naked Lunch“ schrieb, lebte er in der damaligen Internationalen Zone von Tanger – im Volksmund „Interzone“ genannt. Und sein Leben dort sah wohl so aus, dass er sich Zeug in die Adern jagte, Zeug in die Lungen jagte, Zeug in die Nase jagte, und es würde mich nicht wundern, hätte er sich auch Zeug in den Arsch gejagt, in die Harnröhre, oder unter das Nagelbett. Junkies sind da generell flexibel, da muss man nicht einmal Burroughs heißen. Und wenn er dann randvoll war mit Heroin und Alkohol und Benzos und Ott und Kleber (der Mann ist übrigens 83 geworden) (kein Scheiß), setzte er sich an die Schreibmaschine und tippte, was ihm in den Sinn kam. Einzelne Wörter, ganze Sätze, Fragmente von was auch immer. Und da Burroughs bis zum Anschlag voll war mit allem, was der marokkanische Opiatmarkt so hergab, ist das, was am Ende herauskam, inhaltlich so … ANDERS. Ich hab vorher nicht, und danach bis heute auch nie wieder, etwas Vergleichbares gelesen. Und es geht nicht mal um die Geschichte. Wie gesagt weiß ich nicht mehr viel darüber. Was ich aber noch weiß ist, wie es sich angefühlt hat, dieses Buch zu lesen. Der Anfang war wirklich wirklich harte Arbeit. Und das von Burroughs benutzte Cut-Up Verfahren machte es auch nicht gerade leichter. (Cut-Up bedeutet – vereinfacht ausgedrückt – du zerreißt einzelne Seiten und legst sie in beliebiger Reihenfolge wieder zusammen.) Aber als der Korken einmal gezogen war und mein Kopf aufgehört hat, händeringend nach einem Faden zu suchen, und sich auf diese willkürliche Aneinanderreihung von Wörtern einließ … Verrückt. Da entstanden Bilder in meinem Kopf, von denen ich bis dahin gar nicht wusste, dass der mir sowas überhaupt auswerfen konnte! Die Legende übrigens will es, dass Jack Kerouac aufgehört hat das Manuskript auf ein konsumierbares Maß hin zu überarbeiten, weil er Albträume von dem bekam, was er las. Was kein Wunder ist, denn wahrscheinlich ist „Naked Lunch“ der beste und tiefgreifendste Einblick in die Welt und die Sichtweise eines Junkies, den wir anderen jemals zu Gesicht bekommen werden.

Unterm Strich kann ich sagen, dass ich niemals wieder ein Buch gelesen habe, das so weit weg war von allem, was ich übers Geschichten schreiben wusste, und was mir darum ein so unglaublich guter Lehrer war. Neil Gaiman hat es später mal so übersetzt: „People who know what they are doing know the rules, and know what is possible and impossible. You do not. And you should not. The rules on what is possible and impossible in the arts were made by people who had not tested the bounds of the possible by going beyond them.“ Und wenn ich heute beim Schreiben denke: „Das ist so nicht richtig. Denk an das Handwerk. Du weißt wie’s geht“, hilft mir der Blick auf diesen Buchrücken, mein kritisches Ich zu ignorieren. Und alleine dafür hat dieses Buch einen Ehrenplatz verdient.

P.s. Wolfgang Schneider von der FAZ sagte, Burroughs sei „größter Satiriker seit Swift“. Ich verstehe das nicht.