„Auf die Länge kommt es an!“, …

… schrie der Mann vom Digitalvertrieb, „auf die Länge und den Katalog, denn für ein Hörbuch, ich mein echt jetzt, für ein einzelnes Hörbuch lohnt es sich doch nichtmal, dass ich aufstehe und den Vertrag aus dem Drucker ziehe, darum ist die Länge auch so entscheidend, die Länge, VERSTEHST DU!“, und er hatte Recht, die Länge nämlich bestimmt, wie viel Schotter du am Ende des Tages im Geldkoffer aus dem Hochhaus trägst, aber von vorne.

Die ersten drei Hörbuch-Schritte sind gegangen. Schreiben, einsprechen, Postproduktion. Der letzte Schritt aktuell allerdings auch nur halb, denn alle vier Teile von „Morbus Leben – Räuberhörbuch“ liegen aktuell im Studio 42 von Carsten Bunse. Der wird das Ding im Mastering nochmal eine ganze Ebene weiter hinauf boxen. Das kann er sehr gut, der Carsten, denn er ist ein erfahrener Mastering Engineer. „Das Gruselkabinett“ und „Serlock Holmes“ sind nur ein paar Beispiele, bei denen er regelmäßig seine Finger an den Reglern hat, der Mann ist vom Fach, der Mann hat Ahnung.

Wovon Carsten aber leider keine Ahnung hat, ist der Vertrieb von Hörbüchern. Was äußerst scheiße ist, denn auch wenn wir für „Morbus Leben“ nur den digitalen Weg gehen, bedeutet das nicht, dass es einfach wird. In der Regel läuft das so: Verlage schließen mit digitalen Distributoren Vertriebsverträge. Diese Anbieter behalten dann so um die 20 Prozent der Einspieleinnahmen, der Rest geht an die Verlage, und alle sind glücklich und zufrieden, bis an ihr Lebenende.

Bis an ihr Lebensende? Nein, halt! Nicht ganz. Denn die Vergütung der Streaminganbieter spielt jetzt nicht gerade in einer Liga, in der es zur Auszahlung einen Geldkoffer braucht. Da gehste eher mit nem Glas hin, in dem du sonst das Klimpergeld sammelst. In der Musik wurde das aktuell so gelöst, dass das Album an sich immer weniger Fokus hat, und lieber auf einzelne Songs hin veröffentlicht wird. Die sind dann kurz, prägnant und eingängig. Denn je öfter du den Song hörst, desto mehr lohnt sich das Ganze. Würde es sich denn bei Vergütungsmodellen von 0,038 Cent pro Stream (Spotify https://www.basicthinking.de/blog/2018/04/18/bezahlung-streaming-dienste/) überhaupt noch rechnen (nicht lohnen, nur rechnen), ein Konzeptalbum aufzunehmen, wenn du nicht gerade Eminem heißt und Hitchcocks „Music to Be Murdered By“ feierst? Ich glaube nein. Denn die reguläre Hitdichte ist bei Künstlern aus der Pre-Streaming-Geneartion eher gering. Was nichts über den Inhalt aussagt. (Übrigens: Bestes Konzeptalbum seit langer langer Zeit: „Der Watzmann ruft“. Von Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz.) Darum: kurze Tracks, eingängig, am besten schon alle Parts – A, B, C – in die ersten 30 Sekunden geballert. Das macht die Musik nicht per se schlechter, das macht sie nur anders. Und weil das Format Hörbuch und Hörspiel es noch nicht auf die Kette bekommen hat, das was sie tun, an das Streaming-Zeitalter anzupassen, haben sie das Problem der nicht so sehr überzeugenden Vergütungsmethoden wie folgt gelöst: Sie zerlegen das gesamte Hörbuch/Hörspiel in Snippets von irgendwas zwischen 1:20 und 1:50. Das mag verwertungstechnisch völlig Sinn ergeben. Aber es führt bei mir als Konsument dazu, dass ich – wenn ich das Hörbuch nicht in einem Rutsch durchhöre – (und wer bitte macht das), ich überhaupt keine Ahnung mehr habe, wo ich aufgehört hab zu hören, oder das Kapitel nie wieder finden werde. Ein Beispiel: Ich lieg im Bett und hör das neue Hörspiel der Drei ???. Jetzt schlaf ich irgendwann ein (seit Folge 200 hat sich das gebessert, aber das ist eine andere Geschichte), und am nächsten Tag würd ich gern ungefähr dort weiter hören, wo ich tags zuvor weggeknickt bin. Also Apple Music auf, Die Drei ??? gesucht, aktuelle Folge und sieh da: 42 Kapitel für ein Hörspiel mit einer knappe Stunde Spielzeit. Was also mach ich jetzt? Alle durchhören? Da klick ich mir ja nen Wolf! Also lass ich den Bums einfach wieder von vorne laufen. Das mach ich jetzt einmal, das mach ich zwei mal, aber spätestens beim dritten Mal hab ich kein Bock mehr und hör irgendwas anderes.

Was ich damit sagen will. Das Abrechnungskonzept von Spotify und co spielt der Hörbuchindustrie in sofern in die Hände, als dass ein Durchschnittshörbuch mit (Schätzung) 300 Teilen wesentlich mehr Gewinn einfährt, als Guns’N’Roses „Use your Illusion I & II“. Aber es führt bei mir, dem User, auch zu erhöhtem Fluchen. Wenn sich die Streamingdienste wenigstens merken könnten, bei welchem Hörbuch ich an welcher Stelle war, aber das tun sie nicht. (Manchmal kann sich Apple Music das merken, meistens aber nicht. Weiß der Geier woran das liegt.) Und genau diese Nutzerunfreundlichkeit hat letzten Ends dazu geführt, dass ich dem Mann vom Digitalvertrieb auf die Frage, ob ich mein Hörbuch auch klein genug gehackt hätte, antwortete, dass ich das nicht vorhabe. Das macht mich jetzt – wirtschaftlich betrachtet – auf den ersten Blick zu einem ziemlich Vollhorst. (57 Streams gegen 280 Streams bei einmaligem Durchhören) Aber ich bin kein Wirtschaftsunternehmen, ich bin Künstler. Und die Verbreitungsidee von „Morbus Leben – Räuberhörbuch“ war es, meine Kunst so frei zugänglich zu machen, wie Sierra Kidd seine Diskografie. Und das werden wir tun. Mit insgesamt 57 Kapiteln und 57 einzelnen Tracks.