Von der Wichtigkeit gestalterischer Kommunikation – oder – Morbus Leben und das Artwork

Das Cover ist die Kommunikations-Speerspitze eines jeden Tonträgers. Das war nicht immer so. Bis 1940 wurden Schallplatten in unbedruckten Verpackungen verkauft. Der amerikanische Grafikdesigner Alex Steinweiss änderte das. Gerade als Artdirector bei Columbia Records eingestiegen, ging er zum New Yorker Imperial Theatre und belaberte den Besitzer, den Schriftzug „Smash Song Hits By Rodgers & Hart“ auf seiner Leuchttafel strahlen zu lassen. Ein paar Fotos, und geboren war das erste Artwork.

Ein anderes Cover Steinweiss’ war das für Beethovens 5. Klavierkonzert. Auf schwarzem Hintergrund fällt ein weißer Lichtstrahl auf ein Klavier. Das lenkt den Lichtstrahl ab und bricht das Weiß wie ein Prisma in alle Farben des Regenbogens. Ein Artwork, mit dem Pink Floyd – in leichter Abwandlung – 30 Jahre später popkulturelle Geschichte schreiben würde. Und ein Artwork das zeigt, dass ein Cover mehr sein kann, als bloß Fläche, auf der sich ein Buch- oder Musikgenre erkennen lässt. Denn das ist was heute zumeist passiert. Ein Blick in die Regale der Buchhandlungen zeigt es mir: Fantasy sieht aus wie Fantasy, Romantik wie Romantik, Thriller wie Thriller. Dabei kann ein Cover so viel mehr sein. Es kann Kunst sein. Es kann die Sprache des Werkes sprechen. Es kann neugierig machen, es kann abstoßen, es kann verstören, es kann einladender Türöffner, oder auch grafischer Würgereiz sein. Was es aber auf alle Fälle ist: Es ist das erste, das ein potenzieller Hörer/Leser von dir und deinem Werk sieht. (Wenn er nicht explizit nach dir gesucht hat.) Und wenn ihm nicht gefällt was er sieht, scrollt er weiter. Oder sie. Egal. Auf jeden Fall wird nicht geklickt und gehört oder gegriffen und gelesen. Ich kenn das aus eigener Erfahrung. Gefällt mir das Cover nicht, skip ich weiter. Oder nehme das Buch gar nicht erst in die Hand. Da kann der Klappentext noch so ein Brett sein, krieg ich nicht mit, denn das Cover ist scheiße. Und weil das Artwork so eine große Gewichtung hat, sollte es auch eine größere Aufmerksamkeit bekommen. Und die – meine lieben Freunde – hat es im Fall Morbus Leben eindeutig bekommen.

Es gibt hier im Studio eine Wand. Insgesamt gibt es vier, aber an dieser einen hängt der gesamte Artwork-Verlauf. Vom Scribble der anfänglichen Idee, über beispielhafte Cover, hin zu Ausdrucken diverser Farbkombinationen und etliche Schriftproben, groteske und Antiqua-Schriften und gebrochene Schriften, so viele gebrochene Schriften. (Ich liebe gebrochene Schriften. Um sie zu verstehen, musst du dich mit ihnen beschäftigen. Und könnten sie laufen, die Menschen würden die Straßenseite wechseln, würden sie ihnen entgegenkommen. So eine Schrift kann man doch nur geil finden!) (Allerdings muss man sich mit ihnen beschäftigen, um sie zu verstehen, und wirklich gemocht wird sie auch nicht. Also jetzt nicht so die erste Wahl für ein Hörbuch-Cover.) Und darüber und darunter und daneben: Artworks. So viele Artworks. Einige wurden schon entfernt – zu groß die Angst, jemand könnte sie sehen und kopfschüttelnd wieder gehen – aber der Großteil hängt noch und zeigt nicht nur die Entstehungsgeschichte, sondern auch die Gewichtung, die das Artwork für Morbus Leben hat. Prägnant sollte es sein. Auf kleinen Bildschirmen lesbar sollte es sein. Die Geschichte sollte es erzählen, noch bevor der erste Satz erklingt. Und der wichtigste Aspekt: Eine Klammer für vier Teile sollte es bilden. Ohne den einzelnen Teil dabei unkenntlich zu machen. Sprich du musst auf Anhieb erkennen, dass Teil zwei nicht Teil eins ist, sondern eben Teil zwei. Der deutschen Illustratorin Aiga Rasch ist dieser Kunstgriff mit den Artworks der Drei ??? gelungen. Schon von weitem erkennt man, dass es um einen Fall der drei Detektive aus Rocky Beach geht. Und wenn man ein bisschen näher tritt, sieht man, ob man die Lösung des Falls schon kennt oder nicht. Und dieses Meisterstück – diese eierlegende Wollmilchsau – war Ziel bei der Gestaltung des Artworks von „Morbus Leben – Räuberhörbuch“.

Ob das geklappt hat, und wenn ja, wie die grafische Lösung aussieht, das erfahrt ihr, sobald es eine endgültige Version gibt. Denn auch die eierlegende Wollmilchsau braucht ihre Zeit, um Huhn, Schaf, Kuh und Schwein in sich zu vereinen. Und weil ich heute hart verkatert bin, kann ich leider nicht nachsehen, ob sie schon soweit ist.