„Make good art.“ (Neil Gaiman)

Angefangen hat das alles kurz vor der Veröffentlichung von RAW. Auf der Suche nach irgendwas stieß ich auf dieses alte, nicht beendete Manuskript. Ich fing an zu lesen, und nach den ersten drei Seiten war es, als wär ich nie weg gewesen. Jeder Junkie, jedes Dosenbier, jeder Kotzfleck, alles genau da, wo ich es gelassen hatte. Die Geschichte, die Figuren, das Setting, alles so vertraut, als wär ich nur eben Kippen holen gewesen. Also setzte ich mich hin und schrieb und schrieb und schrieb, Tage, Wochen, bis alles erzählt war was zu erzählen war. Dann tat ich, was ich immer tue, ich gab das Manuskript an Testleser. Die Antworten waren so vielseitig wie die Köpfe aus denen sie kamen, aber eines hatten alle gemeinsam, nämlich den Satz: „Eigentlich musst du das verfilmen.“ Aber weil ich weder weiß wie das geht, noch jemanden kenne der das weiß, wollte ich ein Hörbuch draus machen. Und nicht bloß irgendein popeliges Hörbuch, nein, die nächste Hörbuchebene! Ein Hörbuch mit mehr Cliffhangern als Breaking Bad, Ozark und Better Call Saul zusammen! Ein Hörbuch so wenig Hörbuch wie Apaches „Roller“ Werbung für AMG! Ein Hörbuch für die mit den Skimasken auf den Motorrad Ninjas: Ein Räuberhörbuch, zu wild.

Gesagt, getan, Mitstreiter gesucht. Zusammen mit dem Soundkünstler Achim Konrad und flankiert von diversen Kalt- und so Mittelwarmgetränken konzeptionierte ich, verwarf ich, probierte ich aus, schmiss ich weg und holte ich zurück, was mein deutschrapgeschwängertes Gefühl für Soundästhetik so ausspuckte.

Vieles von dem was wir ausprobierten, schaffte es nicht einmal aus dem Studio, geschweige denn ins Hörbuch. Aber einige Ideen ließen sich ganz gut umsetzen und ein paar von denen waren sogar so gut, dass wir sie in die Produktion haben einfließen lassen. Der Schnitt zum Beispiel. Eigentlich Werkzeug zur Beseitigung von Versprechern, Schmatzer, Rülpser und anderen deplatzierten Geräuschkulissen. Auf einem Hörspielforum beim Kölner WDR konnte ich vor ein paar Jahren sehen, wie dort produziert wird. Eine/r liest, eine/r führt Regie, eine/r dreht ein paar Regler und eine/r sitzt am Schnittpult und schneidet raus was nicht ins Hörbuch gehört. Aber der Flow der Sprecher, der bleibt unangetastet. Die sind schließlich vom Fach, die wissen was sie tun. Betonungen, Pausen, laut, leise, alles ist genau da wo es hingehört. Aber was, wenn man den Schnitt zweckentfremdet? Was wenn der Schnitt – wie im Film üblich – dramaturgisches Element wird? Was, wenn man in einer temporeichen Szene beispielsweise die Pausen nicht nur komplett wegkürzen, sondern die Textpassagen so stark überlappen lassen würde, dass sich das Endprodukt zum Einschlafen eignet, wie Carolin Kebekus als Laudatorin für Farid Bang? Kann man der Geschichte so überhaupt noch folgen? Oder pustet dir die Boombox dann nur noch eine quetschkommodenartige Sprach-Kakofonie durch den Gehörgang? Finden wir’s raus!

Und nach monatelangem Einsprechen und schneiden und hören und wieder neu einsprechen und freuen und fluchen und vor Freude betrinken und vor Frust besaufen ist am Ende etwas herausgekommen, das ganz ohne Adlibs näher am Deutschrap ist, als viele Deutschrap-Alben der letzten Jahre, herausgekommen ist ein vierteiliges Hörbuch mit dem Titel „Morbus Leben – Räuberhörbuch“. Und was genau das ist und worum es geht und warum das die erste qwertz-Produktion überhaupt wird, das erfahrt ihr ab jetzt salamitaktikmäßig hier und auf Instagram und auf Facebook und auf YouTube, und vielleicht findet sich auch noch der/die eine oder andere Hörspiel-Rezensent/in, wer weiß, steckste nicht drin, alles geht, nix muss. Aber eines kann ich euch jetzt schon verraten: Es wird sehr gut gewesen sein.