Stiernackenkommando-Studiokollaps

Studiotagebuch, Tag was weiß ich, leck mich am Arsch, keine Ahnung. Nach einer knappen Woche Zwangspause fällt es mir schwer, wieder in den Arbeitsalltag zu finden. Es liegt nicht am Ohr. Ich war sehr schnell wieder in den Figuren, in den Stimmungen, im Vibe. Das, was mir so schwer fällt, ist die Monotonie. Hinkommen, hinsetzen, schneiden, anhören, arrangieren, nochmal anhören, umarrangieren, wieder anhören und so weiter und so weiter. (Scheiße, das geht mir ja beim Schreiben schon auf die Eier.) Lange nach dem Punkt, an dem man seine eigene Stimme nicht mehr hören kann, an dem man keinen einzigen Satz mehr aus seiner eigenen Geschichte erträgt, lange hinter diesem Punkt, bin ich gelangweilt. Gelangweilt von meiner eigenen Kunst. 

Schreiben ist ein mühsamer Prozess. Immer. Egal ob Roman, Kurzgeschichte, Hörspiel, immer. Du kehrst dein innerstes nach außen. Schüttest alles auf den Tisch. Wühlst dich da durch. Bleibst an deinen Unzulänglichkeiten hängen. An deinen unschönen Eigenschaften. Neid. Wut. Sowas. Einige Dinge klinken erst ein, wenn du von außen drauf siehst. Andere Dinge fallen dir hier überhaupt erst auf. All das zu erkennen, zu verarbeiten und daraus etwas zu erschaffen, das nur du im Stande bist zu erschaffen, ist in höchstem Maße aufreibend. Weil du die ganze Zeit mit deinen Fehlern und ihren Auswirkungen konfrontiert bist. Weil sie so viel Raum haben. Weil du dich so lange isoliert hast. Aber wenn du dann fertig bist. Irgendwann. Das Buch gedruckt oder das Hörspiel produziert wurde. Kehrt Ruhe ein. Das Kapitel is beendet, das Thema is durch. Deckel drauf, Bier auf, Kater angesoffen und dann weiter, kopfüber in die nächste Kloake. Aber diesmal is anders. Diesmal is nach fertig noch Produktion. Nachdem jeder einzelne Satz bereits hundert mal durchgekaut wurde, wird er jetzt noch eingelesen, isoliert, filetiert, aussortiert, arrangiert, gemischt, gemastert und der ganze andre Bums, der da noch so dranhängt. Wenn dieses Teil hier fertig ist, hab ich über eineinhalb Jahre nonstop an ein und demselben Ding gearbeitet. Dabei sollte das ein Mixtape werden. Etwas, das zwar nicht in allen Belangen meiner Definition von Kunst standhält, das aber eindeutig zu fett ist, um es in der Schublade versauern zu lassen. Am Ende hat es mehr Zeit gefressen als alles zuvor. Was nicht per se scheiße sein muss, nur kommt irgendwann der Punkt, an dem mich meine eigene Kunst nervt. Ich kann’s nicht mehr hören. Ich will das nicht mehr hören! Aber wie war das mit Regel Nummer 7? „Mach immer weiter. Egal wie aussichtslos es wirkt, egal wie schwer es scheint, das ist immer nur eine Momentaufnahme.“ Aber akut bin ich mir ganz sicher, dass irgendwo da draußen gerade irgendwer das Leben lebt, das bei mir viel besser aufgehoben wär. Ich seh dunkle Bars. Ich seh lange Schlangen vor den Scheißhäusern. Ich hör Türen, die in ihren Angeln brummen wie Nummernschilder von aufgemotzten 90er Jahre Sciroccos in ihren Halterungen. Ich schmeck Jim Beam Cola. Und Altbier.

Dann mach ich die Augen auf, guck auf diese behinderte 1,5 Liter Flasche Wasser und auf diese mich hämisch auslachende Packung gesalzene Reiswaffeln, und bin gelangweilt. Genervt. Gedemütigt. Von meiner eigenen Kunst. Von meinem eigenen Leben.

Und währenddessen fährt Farid seinen neuen grünen Stier spazieren. Und während er spazieren fährt, hör ich mir seinen Soundtrack an und erfreue mich daran. Freu mich darüber. Mit ihm. Hoffentlich hat er Spaß. Daran. Darin. Damit.

Wenn mich jemand sucht, ich bin an der Bar.