Von der Erbsensuppe zum Pathos in nur einer Jugend

Denkst du auch noch manchmal an früher? Daran, wie groß das alles war? Wie unglaublich gewaltig? An all die Erfahrungen, die wir zum ersten Mal gemacht haben? Das erste Mal mit den großen Jungs abhängen. Das erste Mal besoffen. Das erste Mal gekotzt. Alles vollgekotzt. Wie du deinen Eltern hast weismachen wollen, dass das Erbsensuppe ist da auf deiner Jacke und auf deiner Hose und auf deiner Hand. Und dass das nur so komisch aussieht, weil die Erbsen halt schon unglaublich lange abgelaufen waren. So lange, der Preis auf der Dose stand da noch in Reichsmark! (Und wenn du nicht gestunken hättest wie der Typ von der Trinkhalle, hättest du sie auf jeden Fall überzeugt bekommen, soviel steht fest.) Das erste Mal verliebt. Und das erste Mal feststellen, wie kurzlebig dieses Gefühl doch ist. Die Erkenntnis, dass Gefühle so kurzlebig sind, wie Geduldsfäden dünn sein können. Und was für ein unglaubliches Hoch das ist, an so einem bis kurz vor dem Zerbersten gespannten Geduldsfaden rumzuzuppeln und hämisch grinsend zu beobachten, was das mit dem Besitzer macht. Die Erinnerung daran, wie die Dinger reißen. Was das für ein Krach ist! (Lauter als der Kasi von dem Typen, der gegenüber von dir gewohnt hat. Weißt du noch? Der, der nachts immer vollbesoffen sein Mofa zusammengetreten, und der so lange auf diesen kleinen Baum eingeschlagen hat, bis der eines morgens entwurzelt da lag.) (Der Baum. Nicht der Typ.) Weißt du noch der Busfahrer? Wie wir dem so lange auf den Sack gegangen sind, bis der uns auf der Schnellstraße rausgeschmissen hat? Mitten in der Nacht? Und wie der dann aber doch ein paar Meter weiter auf dem Standstreifen anhielt, ausstieg, zu uns rannte und wollte, dass wir wieder einsteigen? Wie wir den ausgelacht und gesagt haben, dass wir ihn jetzt anzeigen, weil er zwei kleine Jungs (so klein waren wir garnicht, wir hatten 14-Loch und Bomberjacken!) einfach so auf der Schnellstraße ausgesetzt hat? Wie behindert der geguckt hat? Und wie laut wir dann gelacht und gesagt haben, dass er sich keine Sorgen machen müsse, das würde nicht passieren, weil wir niemals (NIEMALS!) auch nur ein Wort mit den Bullen reden würden? Weißt du noch, wie hart diese Überzeugung auf die Probe gestellt wurde? Und wie nachhaltig gestärkt wir (nicht nur) in dieser einen Nacht aus dieser Erfahrung gegangen sind? („Jeder Mächtige braucht jemand, der seine Macht anerkennt.“ – „Hä?“ – „Hab ich von Kafka.“ – „Wer?“ – „Kafka.“ – „Wer ist Kafka?“ – „Der Typ, der immer an der Bushaltestelle vor dem Krankenhaus pennt.“ – „Ach der! Voll der Vollidiot.“ – „Lass den! Der ist nur ein armer Penner. Niemand sucht sich aus, ein armer Penner zu sein. Das wirst du einfach. Ob du willst oder nicht.“) Wie viel ich von dir gelernt hab. 

Erinnerst du dich noch an das „Deine Mudda hat uns eingeladen also geh auf Seite“-Einladungsverfahren? Wie dein Scall gepiept hat? Telefonzelle, Karte rein, Nummer gewählt, Nachricht abgehört: „Party in der Gurkensiedlung! Tulpenweg. Keine Ahnung wo genau. Liegt ne tote Katze auf’m Rasen. Die spinnen hier. Ich mach hinten auf. Beeilt euch!“ Wie lange das mit den öffentlichen gedauert hat? Immer wieder dieser behinderte öffentliche Nahverkehr. Wie gut, dass wenigstens einer von uns wusste, wie man Mofas kurzschließt.

Scheiße, wieviel Pathos wir gelebt haben. Mochten wir schon immer. Pathos. Pathos und Altbier. Egal was die ganzen anderen Ficker auch gepredigt haben mit ihrem Becks (oben) und ihrem Paderborner (unten), Altbier, das war unser Zuhause. Jahre später hast du mir mal erzählt, wie scheiße ekelig du das anfangs gefunden hast. Dieser herbe Drecksgeschmack. Voll die eklige Plörre. Aber wir haben’s gesoffen. Und durchgezogen. So, wie wir alles durchgezogen haben. 

Und heute sitz ich hier. Noch immer hart am Altbier-Glas. Und noch härter am Pathos. Und auch wenn sich der Altbiermarkt langsam wieder erholt, der Pathos tut das nicht. Der hat sich irgendwo irgendwas eingefangen. Was Ekliges. Bisschen so wie du dein Kotzfleck damals. Nur, das Pathos kein Kotzfleck ist. Pathos ist Emotion. Pathos ist Leben. Lieben. Leiden. Hemigway ist Pathos. Wells ist Pathos. Glavinic, Springsteen, Pelham, und Rothko! Rothko ganz besonders. Scheiße, gerade Rothko! Mit seinen monumentalen Leinwänden. Wenn der Pigmente kaufen war, der hat die aufladen lassen! („Zwanzig Pfund Mineralviolett, zehn Pfund Ultramarin, und was ist das für ein großartiges gelb! Indian Yellow? Ach was soll’s, gib mir fünfzig!“)

Ich weiß, dass du gerade verhindert bist. Niemand sucht sich aus, und so. Aber ich weiß, dass da, wo du bist, dass da Internet gibt. Manchmal. Und dass du das hier liest. Darum nur die Info: Ich klär das hier solange. Das mit dem Altbier. Und das mit dem Pathos.