Früher war mehr BCAA

Reden wir über Bodybuilding. Oder wie ich es nenne: Kraftsport. Bodybuilding klingt für mich nach hart ausgetrockneter Muskelmasse, nach daumendicken Adern, nach überzogener Sonnenbankbräune und nach trockenem Hühnchen mit Reis und Magerquark als Nachtisch. Natürlich weiß ich, dass das Überbleibsel aus mindestens den 90ern sind. Einer Zeit, in der ich zum ersten mal eine Muckibude betreten, eine halbe Stunde übelst überzogen trainiert, mir zwei Eiweißshakes reingezogen und mir anschließend beim Mäces gegenüber drei BicMacs gegeben hab. Aus einer Zeit, in der du BCAAs nur unter der Hand bekommen hast. Oder zumindest ich, Stift der ich war. Damals gab es zwei Arten von Muckibudengänger. Die, die jeden Tag – Tag ein Tag aus – hart am Eisen standen, und die, die einen Monat lang trainierten, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her, und die dann doch lieber weiter PlayStation zockten und den Rest des zwei-Jahres-Vertrags einfach zahlten und im besten Fall früh genug daran dachten zu kündigen, bevor sich der Vertrag heimlich still und leise um ein weiteres Jahr verlängert hat. Und es gab mich. Typ, der ein halbes Jahr durchzieht, um dann mal ein paar Monate nicht mehr am Eisen zu stehen, um dann wieder von vorne anzufangen. 

Inkonsequent? Mitnichten! Aus meiner Sicht gibt es nichts konsequenteres, als dem Kraftsport in unregelmäßigen Abständen den Rücken zu kehren. Denn dieser Sport ist der zeitintensivste, den du dir als Hobby ans Knie binden kannst. Von wegen vier fünf Stunden Training die Woche. Am Arsch! Das fängt beim Essen an. Finger weg von Zucker generell und von leeren Kalorien im Allgemeinen. Low-Carb, No-Carb, Fick-Dich-Carb, und was weiß ich, was es noch alles für Diätformen gibt, die dich nervlich einfach nur gefährlich nah an einen Punkt bringen, an dem jeder halbwegs vernünftige Mensch einen riesigen Bogen um dich macht. („Alter, pack dich mal am Kopf. Ernsthaft.“) Und das alles nur, um dann doch noch an dieser einen Falte zwischen Daumen und Zeigefinger rumzudrücken, die sich einfach nicht zerrippen lässt, egal wie sehr du auch hungerst und trainierst und schläfst und Tabletten in dich hineindrückst (ihr habt ja keine Ahnung, wie FETT diese Aminosäuren früher waren!) und überhaupt alles um dich herum hinten anstellst. Denn das ist die dunkle Seite dieses Sports. Er ist einnehmender als deine stalkende psychopatische Ex-Freundin, die selbst ein richterliches Kontaktverbot nicht davon abhält, den Geburtstag deines besten Freundes zu crashen und dir vor versammelter Mannschaft so hart den Marsch zu blasen, dass du ihr – wider besseren Wissens – mit gesenktem Kopf und ohne Wiederworte hinterher trottest. Dieser Sport kann dich ganz schön einsam machen. Ganz besonders, wenn du wie ich dazu neigst, dich in etwas hineinzusteigern. Ganz oder garnicht. 

Klar kannst du dir jemanden suchen, der mit dir durchzieht. Einen Trainingspartner. Aber das würde mir alles kaputt machen, was ich am Kraftsport so schätze. Die Einsamkeit. Dass ich alleine bestimme, was ich wann mache. Dass ich mit mir bin. Dass ich die Welt ausschließe, das Überdruckventil öffne und drücke und ziehe und schreie und schwitze. Aber manchmal ist dann auch eben genug. Manchmal hat mich der Sport so fest in seinen Bratpfannenhänden, dass alles andere hinten runterfällt. Menschen, Berufung, Arbeit. Dann muss ich die Bremse ziehen. Ein guter Indikator für mich ist immer der Punkt, an dem ich ernsthaft überlege, ob ich jetzt echt noch diese zehn Schnaps trinken soll, weil ja morgen schon wieder Brust ist, die ja sowieso immer ein bisschen schwächer ist als der Rest (Genetik halt), und wenn ich jetzt durch diese Tür gehe, wird das morgen wieder kein 100-prozentiges Workout, und dann ärgere ich mich über mich selbst und geb am nächsten Tag dann doch alles, nur um tags darauf krank im Bett zu liegen, weil ich meinen Körper einfach geschreddert hab. In dem Moment bin ich gefühlt nicht mehr Herr über mein Leben. Selbstbestimmung am Arsch. Und an dem Punkt drück ich dann auf Pause. Lass den Sport Sport sein und zieh mir zehn Schnaps und zwölf Bier und noch so allerhand rein+, das ich in die Finger kriege. Einfach weil ich’s kann. Und weil mir kein Eisen der Welt sagst, wie ich zu essen und zu trinken und zu schlafen und zu drücken hab. Nur um ein paar Wochen später wieder von vorne anfangen zu müssen. Denn auch das ist Teil der dunklen Seite: Bodybuilding ist der undankbarste Sport, den du dir vorstellen kannst. Du baust dir über Monate ein paar trockene Kilos auf die Rippen, und nach drei vier Wochen Kneipendiät siehst du wieder aus wie der Lauch, als der du angefangen hast. Aber drauf geschissen. Ästhetik ist nicht der Grund, warum ich immer wieder im Studio lande. Es ist die Einsamkeit. Hier bin ich für mich. Hier geht mir niemand auf den Sack. Hier bestimme ich, was Phase ist. Wie beim Schreiben auch.