„Ein, zwei Millionen Streams sind für mich kein Hype“ – (Shindy)

Seit ungefähr zwei Wochen hab ich mir angewöhnt, vor dem Schreiben dieses eine Lied zu hören. Max Herres Version von Fernweh, von Angst, von Freiheit, Max Herres „Athen“. Damit was auch immer vorher war – Wut, Trauer, Kater, alles – Zeit hat zu verschwinden und ich in meine Urstimmung zurück kann. Das funktioniert in sofern gut, als dass mich dieser Track gleich auf zwei Ebenen abholt. Zum einen ist die Sprache der meinen nicht unähnlich. „Athen“ kratzt nur an der Oberfläche. Benennt die Dinge nie wirklich. Und trotzdem bekommt man ein Gefühl dafür, dass da irgendetwas tiefer sitzt, als mit dem bloßen Auge erkennbar. Eisbergmodell.

Die zweite Ebene sind die Bilder. Als Typ mit griechischen Wurzeln sind bewegte Bilder aus Griechenland für mich per se emotional geladen. Ich seh das und hab sofort ein Gefühl von … ich weiß auch nicht. Heimat ist das nicht. Das letzte Mal war ich dort, da war ich zwölf. Vielleicht ist es auch einfach nur Fernweh und hat überhaupt nichts mit meiner Geschichte zu tun, und vielleicht ist es auch scheißegal und wichtig ist nur, dass eben diese Ebene für mich auch zählt. 

Ich sitz da also täglich an meinem Schreibtisch, seh mir dieses Video an und versuche alles aus mir herauszuspülen, was mich davon ablenkt, das zu tun, was ich zu tun hab. Und als ich dann letztens einen Blick auf den Counter warf, hab ich erst gedacht, dass irgendwer das Video runtergeladen, und es auf einem anderen Kanal – einer, der nicht von Max Herre ist – wieder hochgeladen hat, um ein paar Klicks abzugreifen. Aber nach ein paar weiteren Klicks war klar: Das hier ist allen ernstes der YouTube-Kanal von Max Herre. Und dieses Video hat wirklich und wahrhaftig 112.398 Klicks! (Stand 16.06.19, 13:11 Uhr) Und dann klick ich mal so ein bisschen weiter (ich bin sehr gut darin, mich von dem abzulenken, was ich eigentlich tun will) und lande bei unzähligen Rap-Videos, die sich im Grunde nicht unähnlich sind, und deren Klickzahlen so hoch sind, dass ich für einen kurzen Augenblick darüber nachdenke, ob Kai hier nicht vielleicht doch seine Finger im Spiel hatte. Aber dann denk ich wieder, dass mir das im Grunde scheißegal wär, ich feier sie trotzdem (fast) alle. (Aktueller Audio-Boxerschnitt: Maghreb Gang.)

Was ich aber überhaupt nicht feier – einfach, weil ich es nicht verstehe – ist, wie es sein kann, dass sich auf der einen Seite des aktuellen Deutschrap millionenfach die Hörer finden, und auf der anderen Seite Max Herre mit diesem unfassbaren Track vor sich hingrast, als hätt ihn jemand von der Deutschrap-Party ausgeladen und zwei Türsteher abgestellt, um sicherzugehen, dass er sich nicht hintenrum reinschleicht und was vom Buffet abgreift. Deutschrap. Was da los mit dir? Was geht mit der musikalischen Vielfalt? (Wobei man ehrlich gesagt hier noch nicht mal auf die musikalische Vielfalt verweisen kann, weil sich „Athen“ schon so einige Stilmittel aus dem neueren Sound zu eigen macht.) Hast du kein Bock mehr auf Geschichten? Ist dir das zu langweilig? Der Typ zu alt? Zu verkopft? Ernsthaft. Ich versteh das nicht. Klär mich mal auf, bitte. Ich bau solange weiter an meiner literarischen Mixtape-Version.